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Weltkunst in Ost-Berlin | ZEIT ONLINE

Schätze aus Alt-Nigeria – Erbe von 2000 Jahren,
unter diesem
Motto wird noch bis zum 26. Mai in den Staatlichen Museen Berlin eine in der Welt einmalige
Ausstellung altafrikanischer Kunst gezeigt. Zusammengestellt unter der Leitung des Direktors
des nigerianischen Nationalmuseums in Lagos […] verfolgt [sie] den Zweck, endlich die noch
aus der Kolonialzeit stammenden Vorurteile gegenüber der afrikanischen Kultur aus dem Wege zu
räumen.“ Was sich wie Science-Fiction anhört oder als postkoloniale Pioniertat eines Museums
der Zukunft durchgehen könnte, liegt in Wahrheit bereits mehrere Jahrzehnte zurück, 34 Jahre
genau, tief begraben im kollektiven Gedächtnis der Stadt Berlin und ihrer Museen.

Es war das Jahr 1985. Im Pergamonmuseum in der Hauptstadt der DDR gastierte eine sensationelle Leihausstellung aus Nigeria, etwa 100 Objekte aus der Zeit zwischen 500 vor Christus und dem 19. Jahrhundert mit einem Versicherungswert von knapp 30 Millionen Dollar. Als blockfreier Staat unterhielt Nigeria seit 1973 diplomatische Beziehungen zur DDR; Afrika hatte einen hohen Stellenwert in der ostdeutschen Außenpolitik, und die Ausstellung kam aufgrund einer Vereinbarung im Kulturarbeitsplan zwischen beiden Regierungen zustande.

Initiator und Kurator der Schau war der Archäologe Ekpo Eyo aus Lagos, einer der bedeutendsten Museumsmänner seiner Zeit. Er war damals Generaldirektor der nigerianischen National Commission for Museums and Monuments und Vizepräsident des Internationalen Museumsrates ICOM. Eyo war in den 1970er- und 1980er-Jahren eine starke Stimme im Kampf um die Rückgabe von Kulturgütern an die „Dritte Welt“, wie man damals sagte. Bevor sie nach Berlin kam, war die Ausstellung unter anderem in New York, Paris, Zürich und Leningrad gezeigt worden. Nach ihrem Aufenthalt in der DDR ging sie nach Zagreb.

Im vorzüglich gepflegten Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin liegen heute all die Objektlisten, Korrespondenzen, Fotografien, Interflug-Tickets und Deutrans-Frachtbriefe zu dieser Ausstellung. Es ist reizvoll, fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR und wenige Monate vor der Eröffnung des Humboldt Forums auf dem Gelände des ehemaligen Palasts der Republik – wo bald in großer Zahl „Benin-Bronzen“ aus „preußischem Kulturbesitz“, also Kunstwerke nigerianischer Herkunft, präsentiert werden sollen – an diese gelungene Episode deutsch-nigerianischer Museumsarbeit zu erinnern. Dabei werden vergessene Handlungsoptionen und Prozesse wieder ans Licht gebracht, die für die aktuelle Diskussion zum Umgang mit außereuropäischen Sammlungen aus kolonialen Kontexten von hohem Wert sind.

Sieht man das Material durch, stellt man fest: „Kooperationen auf Augenhöhe mit den Herkunftsländern“ gab es lange, bevor sie zum festen Bestandteil aktueller Museumsrhetorik wurden: 1985 bestimmte Nigeria als Leihgeber, wie mit seinem Ausstellungsmaterial umzugehen sei. Als Leihnehmer bemühten sich die Staatlichen Museen der DDR mit professionellem Einsatz um die Erfüllung der nigerianischen Bedingungen. Dies betraf sowohl die Versicherung der Objekte („laut Regierungsprotokoll tragen wir die volle Verantwortung“), die Bewachung der Ausstellungsräume („am Tage durch Zivilkräfte und in der Nacht durch Polizeikräfte“), die Anfertigung ausführlicher Pressedokumentationen („die nigerianische Seite erwartet nach Abschluss der Ausstellung die Übergabe aller in der DDR zur Ausstellung erschienenen Pressebeiträge in zweifacher Ausfertigung“) und den Druck des Katalogs. In dessen Vorwort dankte der Generaldirektor der Staatlichen Museen (Ost) der Republik Nigeria für das „Vertrauen zur Obhut dieser Kunstwerke“, das er als „eine hohe Verpflichtung“ für die DDR ansah. Kurzum: Der Besitz von hochwertigen Objekten und die damit verbundene Fähigkeit, über sie frei zu verfügen und sie trotz Ost-West-Konfrontation selbstbestimmt in allen möglichen Richtungen zirkulieren zu lassen, machten Nigeria damals zu einem vollwertigen Partner im internationalen Kreis der Museen, unabhängig von seinem Status als Entwicklungsland.

Aber nicht nur in technischer, auch in theoretischer und kulturpolitischer Hinsicht scheint man in Ost-Berlin auf die Wünsche von Ekpo Eyo zumindest teilweise eingegangen zu sein. Bereits vor Ausstellungseröffnung hatte an der Humboldt-Universität pünktlich zum hundertsten Jahrestag der „Kongo-Konferenz“ eine internationale Tagung zum Thema „Kolonialismus, Neokolonialismus und der Weg Afrikas in eine friedliche Zukunft“ stattgefunden, bei der die DDR um die Unterstützung afrikanischer Staaten für ihre Initiativen in Fragen der Dialogpolitik warb. Gleich nach Ausstellungseröffnung hielt Eyo im Kultursaal des Pergamonmuseums einen Vortrag zur „Stellung Nigerias im Rahmen der Weltkunst“, mit dem schnittigen Untertitel „Wider den europäischen Begriff Primitivismus“.

Darüber hinaus bewegte der nigerianische Museumsmann seine Ost-Berliner Kollegen offenbar auch dazu, das seit den frühen 1970er-Jahren weltweit diskutierte Thema der Restitution von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten mit den DDR-Behörden zu diskutieren: In einem Brief an das Ministerium für Kultur verwiesen die Staatlichen Museen schon vor der Ausstellung auf das vom „Hauptautor Ekpo Eyo [im Katalog] angeschnittene Problem der Rückgabeforderung insbesondere von Kunstwerken aus Benin, von denen sich bekanntlich eine Reihe auch in unseren Völkerkundemuseen befinden (Leipzig, Dresden)“. Einige Monate später hieß es in einem weiteren Schriftstück der Museen: „Ein gemeinsamer Standpunkt zu der von Ekpo Eyo angeschnittenen Frage ›Restitution‹ wird gegenwärtig von dem Ministerium für Kultur, Kollegen Göbel/Leipzig und uns erarbeitet.“

Soweit bekannt, kam es bis zum Zusammenbruch der DDR zu keinen Rückgaben von Werken an Nigeria. Übrigens auch nicht von West-Berlin aus, das bis heute eine der weltweit größten Sammlungen an Benin-Kunstwerken besitzt, wie Eyo 1985 in seinem Katalogbeitrag anmerkte. „Vielleicht ist es an der Zeit“, schrieb er damals, „dass die Umstände, unter welchen die Objekte Benin weggenommen wurden, neu überdacht und gewürdigt werden. Museen, welche die Werke erworben haben, könnten ein oder zwei Stücke als Dauerleihgaben zur Verfügung stellen, die dann möglicherweise im Benin-Museum in ihren ursprünglichen historischen Zusammenhang gestellt werden könnten.“ Das waren bescheidene Wünsche. Sie wurden vor 34 Jahren überhört. Und sie werden es bis heute.

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